Mende

Mende Nazer ist die Autorin der internationalen Bestseller-Autobiografie SKLAVIN, die Millionen von Menschen bewegt und viele zum Handeln animiert hat. Ihre Lebensgeschichte lieferte darüber hinaus die Inspiration für den Film “Ich bin eine Sklavin” und die Bühnenfassung ihres Lebens “Sklavin – eine Frage der Freiheit”.

Mende wurde im Stamm der Karko in den Nuba-Bergen, im Sudan geboren. Ihr genaues Geburtsdatum ist unbekannt (die Nuba erstellen keine Geburtsurkunden), müsste aber ungefähr im Jahr 1981 liegen. Sie hatte eine idyllische Kindheit und wuchs mit ihrer Familie in einem typischen Dorf heran, wo Kühe und Landwirtschaft den Lebensunterhalt darstellten, so wie es dort seit Hunderten von Jahren üblich war.
Auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges im Sudan, als Mende ungefähr 12 Jahre alt war, wurde ihr Dorf von arabischen Angreifern überfallen. Sie brannten das Dorf nieder, metzelten viele Einwohner nieder und entführten die kleinen Kinder. Mende war eines von ca. 30 weiteren kleinen Kindern, die entführt wurden. Zuerst wurde sie von ihren Entführern vergewaltigt und danach in die Sklaverei verkauft. Nachdem sie mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, wurde sie schließlich gekauft, um als Sklavin in einer reichen arabischen Familie in Khartum zu dienen.

In den prägenden Jugendjahren schuftete Mende als Haussklavin. Unaufhörlich wurde sie erniedrigt, mit Verachtung gestraft und ohne ersichtlichen Grund von der Hausherrin geschlagen. Einer der Schläge war so schwer, dass er lebensbedrohlich war. Obwohl ihre Besitzer der gleichen Religion angehörten, wurde ihr der Zugang zum Islam verweigert. Ohne Pause arbeitete sie fast rund um die Uhr. Mende fürchtete um ihr Leben, wenn sie die ihr zugewiesenen Arbeiten nicht erfüllte. Sie war wirklich zu jung und unerfahren, um eine Vorstellung davon zu haben, was sie sonst noch in diesem neuen Umfeld tun könnte. Die moderne Umgebung von Khartum konnte nicht fremder sein, schließlich hatte sie niemals zuvor weder einen Löffel, einen Spiegel noch ein Waschbecken, geschweige denn ein Telefon gesehen.

Verzweifelt sehnte sich Mende nach ihrem Leben der Kindheit zurück und wurde zeitweise krank vor Sehnsucht nach ihrer Umi (Mutter) und ihrem Ba (Vater). Trotz alledem betete sie weiterhin und blieb ihrem Glauben treu.

Nach fast 7 Jahren beschlossen Mendes Besitzer, sie an Verwandte in London weiterzureichen, um dort als Sklavin in dieser Familie zu arbeiten. Durch ihre geringen Englischkenntnisse und das Fehlen von Freunden blieb ihr nur ein Leben in Gefangenheit und Isolation. Schließlich durfte sie ein wenig Zeit für sich beanspruchen und wie durch ein Wunder traf sie bei einem ihrer Einkäufe einen Sudanesen. Mit seiner Hilfe und der Hilfe des Journalisten Damien Lewis gelang ihr am 11. September 2000 die Flucht.

Nach einigen Rückschlägen erhielt Mende schließlich im Jahr 2003 Asyl. Dieses gelang ihr mit Hilfe von Damien Lewis und einem Sturm öffentlichen Protests. Seitdem hat sie die britische Staatsbürgerschaft. Heute lebt und arbeitet Mende in London, wo sie ein glückliches und ruhiges Leben führt. Sie ist verheiratet mit einem ehemaligen Flüchtling, ebenfalls Mitglied des Karko-Stammes, den sie auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten während einer Signierstunde eines ihrer Bücher traf.

Auf die Frage hin, wie sie so viele Jahre unter Verfolgung und Qualen überleben konnte, antwortete sie: "Ich glaube sehr stark an Gott, ich habe eine starke Verbindung zu meiner Familie und trage immer die Hoffnung in mir, sie eines Tages wiederzusehen. Ich denke, Hoffnung und Entschlossenheit haben mir geholfen, in dieser schwierigen Zeit zu überleben".

Im Jahr 2006 hat sich diese Hoffnung erfüllt. Mit Hilfe von privaten Spendern trat Mende die Reise zurück in den Sudan an. Sie konnte es kaum fassen, dass es möglich war, in eine sichere Region der Nuba-Berge zu fliegen, wo sie sich zum ersten Mal seit ihrer Entführung mit ihrer Familie treffen konnte. Damien Lewis begleitete sie auf dieser gefahrvollen und emotional aufgeladenen Reise. Auch für ihr zweites Buch mit dem Titel „BEFREIT“, das diese Reise mit Mende beschreibt, war Damien Lewis erneut Co-Autor. „Befreit“ (Freiheit) musste erst noch in die englische Sprache übersetzt und veröffentlicht werden. Dieses aussagekräftige Buch lässt uns teilhaben an den Gefühlen und Emotionen Mendes bei der Wiedervereinigung mit ihrer Familie und ihrer Heimat.

Obwohl es sehr schmerzt, kontinuierlich an die Vergangenheit erinnert zu werden, hat Mende permanent Mut und Kraft aufgebracht, Konferenzen zum Thema der modernen Sklaverei zu besuchen. Doch der Blick in die Zukunft gab ihr immer neuen Antrieb,  Energie und Leidenschaft zur Verwirklichung ihres Traumes aufzubringen: ihrem Heimatland, den Nuba-Bergen, Bildung und Trinkwasser zu ermöglichen. Mit Hilfe von vertrauten Freunden bekam sie die nötige Unterstützung zur Gründung einer Stiftung in ihrem Namen, um diesen Traum auch in die Tat umzusetzen.

In den vergangenen Jahren hat Mendes Geschichte durch einen Film, ein Theaterspiel und auch durch ihre Stiftung neue Dynamik erhalten. Der Grund dafür ist die Zeitlosigkeit ihrer Geschichte. Sie war ein geschlagenes und vergewaltigtes Teenager-Mädchen mit nichts als einem T-Shirt auf dem Leib. Während ihrer prägenden Jugendjahre wurde sie Abda genannt, was Sklave oder Person ohne Namen bedeutet. Sie war jemand, der allen Grund hatte, sein Leben aufzugeben. Aber sie tat es nicht. Glaube und Hoffnung gaben ihr Kraft. Dieses Zeugnis überschreitet Ethnizität, Religion und Geschlecht, und es ist der Magnet, der Menschen aus der ganzen Welt in ihren Bann zog, um Mendes Bemühungen zu unterstützen. Dieses Bewusstsein treibt auch uns voran und zusammen mit Ihrer Hilfe möchten wir die Begeisterung für Mendes Geschichte umwandeln in den Bau von Schulen und Wasserwerken im Herzen der Nuba-Berge. Wir sind gespannt, aber geduldig und erfahren. Vor allem glauben wir. Dies ist in erster Linie eine Geschichte des Glaubens.